Interview Angehörige

Edith Mayer

Fünf Fragen zur Integrierten Versorgung an eine Angehörige einer psychisch erkrankten Tochter

Frau Mayer, Sie befürworten den Ausbau einer ambulanten Behandlung für alle psychisch erkrankten Menschen. Worin sehen Sie die Vorteile des regionalen Netzwerks „Integrierte Versorgung“?
Nicht alle Erkrankten können Teilnehmer der Integrierten Versorgung sein. Das Gesamtpaket passt meist nicht für leicht oder schwer Erkrankte. Dennoch sollten beispielsweise die Leistungen eines Ergotherapeuten auch ihnen zugutekommen. Ein größerer Verbund kann sich dabei die besseren Fachleute leisten. Durch die engere Kooperation mit selbstständigen Ergo- und Psychotherapiepraxen muss der Einzelne nicht alles bereitstellen. Mehrere Träger können eine Dienstleistung nutzen und durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit flexibler auf die Bedürfnisse der Hilfebedürftigen reagieren. Eine gute integrierte Versorgung spart dabei Folgekosten.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem bestehenden Hilfesystem?
Bei meiner Tochter gab es nur wenige Hilfen. Es gab Lücken in der ambulanten Versorgung und in Notsituationen gar keine adäquate Unterstützung. Erkrankte mussten in der Poliklinik stundenlang auf Hilfe warten. Ich bin daher sehr für den Ausbau der Institutsambulanzen, die in das System der Integrierten Versorgung einbezogen werden müssten.

Welche Unterstützung brauchen die Erkrankten, welche Entlastung die Angehörigen?
Betroffene brauchen Gespräche, Gespräche und nochmals Gespräche! Sie wollen gehört werden und auch mehr Kontakt untereinander haben. In Notsituationen muss der Psychiater oder Psychotherapeut gut zuhören können. Außerdem müssen die Angehörigen in die Behandlung miteinbezogen werden. Auch ein Rückzugsraum ist eine notwendige Hilfe für Betroffene und Angehörige.

Wie beurteilen Sie die Bausteine der Integrierten Versorgung?
Die Koordination aller Hilfeleistungen ist ein großer Vorteil für die Betroffenen. Der Fallmanager muss sich gut in den Betroffenen hineinversetzen können, er muss alle Seiten anhören und gut aufeinander abstimmen. Und er muss sich als Anwalt der Betroffenen verstehen. Gerade in Notsituationen sehe ich den Rückzugsraum als große Chance, speziell für Alleinlebende. Aber auch dort muss qualifiziertes Personal zur Verfügung stehen, das beispielsweise eine Suizidgefahr erkennt und den Betroffenen in die Klinik einweisen kann.

Worauf sollte beim neuen Gesundheitsangebot besonders geachtet werden?
Es muss sehr konkret sein und den erkrankten Menschen dort abholen, wo er steht. Es muss ihm anbieten, was er für seine momentane Lebenssituation braucht. Es muss das Körperliche und das Psychische als Einheit betrachten. Ein solches vernetztes Angebot sollte über den eigenen Tellerrand blicken und offen dafür sein, was es anderswo gibt, etwa Spezialisten im Gesundheitswesen oder besondere Reha-Angebote.